Tarifrunde im Handel
Im Handel arbeiten mehr als 4,5 Millionen Menschen. Während Umsätze und Gewinne steigen, haben die Beschäftigten heute real weniger Lohn als 2020. Warum die Forderung nach 7 Prozent mehr Geld berechtigt ist, erklärt Nils Böhlke.
Euch einen guten Einkauf und der Verkäuferin ein gutes Einkommen
Am 1. Mai endete die Friedenspflicht in den meisten Betrieben des Einzelhandels und des Groß- und Außenhandels. Damit befinden wir uns im Tarifkampf in einer Branche, in der bundesweit derzeit über 4,5 Millionen Beschäftigte tätig sind. Zum Vergleich: in der Automobilindustrie sind, inklusive der Zulieferer, nur 770.000 Menschen beschäftigt.
Der Großteil mit 3,225 Mio. Beschäftigten sind im Einzelhandel tätig, davon arbeiten lediglich etwas mehr als ein Drittel (1,126 Mio.) in Vollzeit. Der größte Anteil sind sozialversicherungspflichtige Teilzeit-Stellen (1,244 Mio.) und 855.000 Menschen arbeiten als geringfügig Beschäftigte. Das hängt auch damit zusammen, dass mehr als zwei Drittel der Beschäftigten weiblich sind.
Beschäftigte im Einzelhandel mit abgeschlossener Berufsausbildung erhalten derzeit ein tarifliches Entgelt von 3.219,- Euro im Monat (Gehaltsgruppe I, 6. Berufsjahr) bei 37,5 Wochenstunden. Das bedeutet ein Stundengehalt von 19,81 Euro.
Der Groß- und Außenhandel ist sowas wie der „schlafende Riese“, der zwar kaum Beachtung findet, aber aus großen Einheiten die ganze Republik mit Waren beliefert. Bundesweit sind hier derzeit 1,35 Millionen Menschen tätig. Hier ist der Anteil an Vollzeitbeschäftigten deutlich höher. Über 70 Prozent der Beschäftigten (rund 985.000) arbeiten Vollzeit.
Beschäftigte im Groß- und Außenhandel mit abgeschlossener Berufsausbildung erhalten ein tarifliches Endgehalt von 3.394,- Euro im Monat (Gehaltsgruppe III, ab dem 7. Jahr nach der Ausbildung) bei 38,5 Wochenstunden. Das bedeutet ein Stundengehalt von 20,32 Euro.

Beiden Branchen geht es gut. Auch nach Abzug der Inflation ist der Umsatz in den letzten zehn Jahren gestiegen. Im Einzelhandel liegt der Umsatz heute 16,7 % über dem Wert von 2015. Im Groß- und Außenhandel 8,6 %. Nominal liegt der Umsatz im Einzelhandel sogar fast 50 % höher als vor zehn
Jahren und im Groß- und Außenhandel fast 40 % höher. Auch die Gewinne haben sich in den letzten Jahren durchschnittlich gesteigert. Seit 2005 sind die Gewinne der Branche (nach Steuern) um 48,9 Prozent bzw. 6,5 Mrd. Euro gestiegen. Im Groß- und Außenhandel sind die Steigerungen noch mal deutlich höher. Im gleichen Zeitraum sind die Gewinne hier um 196 Prozent bzw. 31,6 Mrd. Euro gestiegen.
Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass viele der reichsten Deutschen Händler sind und mit Dieter Schwarz sogar der reichste Deutsche Gründer der Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland mit einem geschätzten Vermögen von 46,5 Milliarden Euro.
Währenddessen kommen unsere Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel und auch im Groß- und Außenhandel kaum über die Runden. Kaufleute im Einzelhandel erhalten bei Vollzeitbeschäftigung nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben derzeit lediglich ein Nettolohn von 2.146,64 Euro. Lagerbeschäftigte im Einzelhandel (Entgeltgruppe L IIb) sogar nur 1.959,16 Euro. Besonders problematisch ist, dass im Einzelhandel rund zwei Drittel der Beschäftigten nur in Teilzeit arbeiten und damit häufig noch geringere Einkommen erzielen.
Für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet dies, dass durchschnittlich mindestens zwei Drittel des Einkommens für Wohnung, Essen und den Weg zur Arbeit aufgebraucht werden müssen.
Und das, obwohl die Beschäftigten diese Gewinne Tag für Tag erwirtschaften. Im Einzelhandel erwirtschaftet jede beschäftigte Person monatlich zusätzlich zum eigenen Lohn einen Gewinn von 612 Euro. Im Groß- und Außenhandel sind es sogar 2.880 Euro.
Trotz dieser Leistung haben die Löhne und Gehälter in den vergangenen Jahren nicht mit der Inflation mitgehalten. Beschäftigte im Handel erhalten heute real vier Prozent weniger Lohn als noch im Jahr 2020.
Wer die Gewinne erwirtschaftet, muss davon auch leben können.
Deshalb brauchen die Kolleginnen und Kollegen im Handel deutlich mehr Geld im Portemonnaie.
Im Einzelhandel fordern die Beschäftigten beispielsweise 7 Prozent, mindestens 225 Euro mehr pro Monat. Die Laufzeit soll 12 Monate betragen und es soll eine überproportionale Erhöhung für die Azubis in Höhe von 150 Euro geben.
Im Groß- und Außenhandel wird eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um monatlich 7 Prozent bei einem Mindestbetrag von 250 Euro gefordert. Auch hier soll die Laufzeit 12 Monaten betragen und eine Erhöhung für die Azubis in Höhe von 150 Euro erkämpft werden.

Diese Forderungen sind Ausdruck von einer ganzen Reihe von Überlegungen:
- Die Beschäftigten machen einen großartigen Job. Sie tragen dazu bei, dass es der Branche gut geht und müssen auch entsprechend vergütet werden.
- Es gibt einerseits noch Nachholbedarf beim Reallohn und bereits jetzt ziehen die Preise wieder an. Das muss ausgeglichen werden.
- Obwohl viele Händler zu den reichsten Deutschen gehören, liegen die Löhne in der Branche deutlich hinter anderen Branchen zurück. Dieser Abstand muss verringert werden.
- Der Einzelhandelsverband beklagt sich über die „Konsumzurückhaltung“ in Deutschland. Dabei wären kräftige Lohnerhöhungen ein Schub für die gesamte Volkswirtschaft und würde die „Kauflust“ wieder steigern. Löhne sind eben nicht nur Kosten.
- Dem allergrößten Teil der Beschäftigten in der Branche droht Altersarmut. Lohnerhöhungen sind der beste Schutz dagegen.
Selbstverständlich unterstützt Die Linke die Forderung der Beschäftigten im Handel und steht in den anstehenden Arbeitskämpfen klar an ihrer Seite.

Die Arbeitgeber zeigen sich bislang allerdings nicht bereit, die Leistung der Beschäftigten und ihre schwierige Situation anzuerkennen. In den ersten beiden Verhandlungsrunden wurden in beiden Tarifbereichen lediglich Angebote vorgelegt, die auf Reallohnverluste hinauslaufen.
Im Einzelhandel bieten die Arbeitgeber bei einer Laufzeit von zwei Jahren lediglich 2 Prozent mehr Lohn ab November des ersten Jahres sowie weitere 1,5 Prozent ab August des zweiten Jahres an. Im Groß- und Außenhandel sollen die Entgelte bei ebenfalls zweijähriger Laufzeit nach Abschluss des Tarifvertrags um 1,8 Prozent im ersten und 1,6 Prozent im zweiten Jahr steigen.
Diese „Angebote“ sind völlig inakzeptabel und werden zwangsläufig zu weiteren Streiks führen.
Artikel wurde am 6. Juni 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://betriebundgewerkschaft.de/tarifrunden/2026/06/tarifrunde-im-handel/.