VW: Die Zukunft gehört in die Hände der Beschäftigten
Die Debatte um Stellenabbau und Werksschließungen bei VW ist mehr als ein Unternehmenskonflikt. Sie entscheidet darüber, wer die Zukunft der Industrie gestaltet – und in wessen Interesse. Agnes Conrad über Mitbestimmung, Industriepolitik und gute Arbeit.
Die Auseinandersetzung bei Volkswagen ist mehr als ein Konflikt um Arbeitsplätze. Sie entscheidet darüber, wer den Umbau unserer Industrie gestaltet: Beschäftigte und ihre Gewerkschaften – oder Vorstände und Finanzmärkte.
Sollten sich die Berichte über einen massiven Stellenabbau, Werksschließungen und eine Neuordnung von Konzernstrukturen bestätigen, wäre das ein weiterer Beleg für eine Entwicklung, die wir seit Jahren erleben. Immer wieder werden Beschäftigte zur Kasse gebeten, wenn Unternehmensstrategien scheitern oder Renditeziele verfehlt werden. Ausgerechnet diejenigen sollen die Rechnung bezahlen, die den Konzern Tag für Tag am Laufen halten.
Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine politische und unternehmerische Entscheidung.
Die Herausforderungen der Automobilindustrie sind real. Der Wandel hin zu klimaneutraler Mobilität verlangt neue Technologien, Investitionen und den Umbau ganzer Produktionsprozesse. Aber Transformation darf nicht mit Kahlschlag verwechselt werden.
Wer Arbeitsplätze abbaut, Werke schließt oder Belegschaften gegeneinander ausspielt, löst die Probleme der Branche nicht – er verschärft sie.
Besonders alarmierend sind Berichte über mögliche Ausgliederungen von Konzernteilen. Wo Unternehmen zerschlagen werden, geht es selten um bessere industrielle Perspektiven. Häufig geht es darum, Unternehmensbereiche leichter verkaufen, verwerten oder gegeneinander ausspielen zu können. Die Leidtragenden sind fast immer die Beschäftigten.
Dabei sind sie nicht das Problem. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die Transformation überhaupt gelingen kann. Die Kolleginnen und Kollegen in den Werken verfügen über das Wissen, die Erfahrung und die Kompetenz, die für die Zukunft der Automobilindustrie unverzichtbar sind. Sie entwickeln neue Technologien, organisieren Produktion und sichern jeden Tag die industrielle Wertschöpfung. Wer ihre Arbeitsplätze infrage stellt, schwächt die Zukunftsfähigkeit der Industrie selbst.
Deshalb braucht die Automobilindustrie keine Politik des Sparens, sondern eine Politik des Investierens: in bezahlbare Elektromobilität, Batterietechnologien, Ladeinfrastruktur, Qualifizierung und gute Arbeit. Die industrielle Transformation ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie darf nicht allein den Renditeerwartungen von Aktionären oder kurzfristigen Entscheidungen von Konzernvorständen überlassen werden.
Gerade weil das Land Niedersachsen als Anteilseigner und Mitglied des Aufsichtsrats besondere Verantwortung trägt, kann es sich nicht auf die Rolle eines Zuschauers zurückziehen. Wer öffentliche Verantwortung übernimmt, darf bei drohenden Werksschließungen oder Massenentlassungen nicht schweigen. Beschäftigte haben Anspruch auf Transparenz, Verlässlichkeit und eine Politik, die ihre Interessen schützt.
Die Auseinandersetzung bei Volkswagen reicht deshalb weit über einen einzelnen Konzern hinaus. Sie steht exemplarisch für die Frage, wie der industrielle Umbau organisiert wird: im Interesse der Beschäftigten oder im Interesse der Kapitalmärkte.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Transformation kommt. Sie kommt. Die entscheidende Frage lautet, wer sie gestaltet und wer ihren Preis bezahlt.
Als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter ist unsere Antwort klar: Die Zukunft der Industrie gehört in die Hände der Beschäftigten. Sie darf nicht in den Vorstandsetagen entschieden werden, sondern gemeinsam mit denen, die jeden Tag den gesellschaftlichen Reichtum erarbeiten.
Die industrielle Zukunft unseres Landes entscheidet sich nicht allein im Bundestag oder in den Chefetagen. Sie entscheidet sich auch in den Betrieben, in Tarifauseinandersetzungen und überall dort, wo Beschäftigte sich organisieren und gemeinsam für ihre Interessen eintreten. Deshalb braucht die Transformation nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung, mehr Tarifbindung und starke Gewerkschaften.
Artikel wurde am 3. Juli 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://betriebundgewerkschaft.de/transformation/2026/07/vw-die-zukunft-gehort-in-die-hande-der-beschaftigten/.
