„Wir müssen die Partei so öffnen, dass Arbeiter*innen wieder bei uns aktiv sind.“

Mehr Arbeiter*innen in Partei und Parlament, stärkere Verankerung in den Betrieben und eine organisierende Klassenpolitik: Im Interview mit uns skizziert Luigi Pantisano seine Vorstellungen für Die Linke und den künftigen Parteivorsitz. Das Gespräch führte Jerome Frantz.

„Wir müssen die Partei so öffnen, dass Arbeiter*innen wieder bei uns aktiv sind.“
Luigi Pantisano auf der Bündnisdemo "Es reicht!" am 1. Juni 2026 in Berlin, Foto: Martin Heinlein

Gegen eine tarifvertragliche Vergütung von Abgeordneten hat Luigi Pantisano grundsätzlich nichts einzuwenden. Und auch ansonsten betont der Kandidat für den zukünftigen Co-Parteivorsitz seinen gewerkschaftlichen Fokus. So möchte er Die Linke durch mehr Nähe und Austausch mit Arbeiter*innen in den Betrieben zur organisierenden Klassenpartei machen. Jerome Frantz von der BAG Betrieb & Gewerkschaft hat im Vorfeld des Bundesparteitags kommendes Wochenende Luigi zu seiner Kandidatur und seiner zukünftigen Agenda befragt.

BAG Betrieb & Gewerkschaft: Luigi, schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Skizziere uns bitte zum Einstieg doch kurz deinen betrieblichen und gewerkschaftlichen Lebensweg.

Luigi Pantisano: Als Arbeiterkind bin ich maßgeblich von meinen Eltern geprägt worden. Zwar habe ich nach meinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung als Bauzeichner in einem Unternehmen absolviert. Danach studierte ich aber Architektur und Stadtplanung. Ich habe mein Studium nur finanzieren können durch vieles Jobben, unter anderem im Sommer in der Fabrik meiner Eltern. Um es aber klar zu sagen, ich bin jetzt heute als Akademiker ein klassischer Klassenwechsel. In die gewerkschaftliche Zusammenarbeit bin ich mit ver.di an der Hochschule gekommen, durch die Situation von wissenschaftlichen Mitarbeitern, die praktisch nur sehr kurz und befristet ihren Job haben und dann relativ schnell vor dem Nichts stehen. Weil diese Verträge nicht verlängert werden, mehr als ein paar Jahre, sind diese Jobs besonders prekär.

Da du schon länger Parteimitglied bist, wie und wo ist dir die BAG Betrieb & Gewerkschaft bisher aufgefallen, wie bist zu bisher mit ihr in Berührung bekommen?

In Baden-Württemberg bin ich mit der LAG oft in Berührung gekommen, weil es dort einen Arbeitskreis gab, den damals unser Parteivorsitzender Bernd Riexinger geleitet hat und ihm das sehr wichtig war. Dort hatten wir Gesprächsrunden mit linken Betriebsräten, unter anderem aus der Automobilindustrie. Dort wurden viele betriebliche Probleme thematisiert. Ich dachte mir damals schon, dass wir diese Kontakte und Themen viel enger in die Partei rein tragen müssen. Diese Themen waren nicht zentraler Bestandteil der politischen Praxis der Partei und genau aufgrund dessen finde ich, müssen wir die BAG Betrieb & Gewerkschaft und die Arbeit der Kolleg*innen in den Betrieben stärker in die Partei involvieren.

Das passt gut zur Überleitung auf die nächste Frage:  Wir haben auf dem letzten Parteitag beschlossen, dass Die Linke eine organisierende Klassenpartei sein will. Wir würden gerne wissen: Was verstehts du unter dem Begriff und wie willst du ihn bzw. diese Identität als Vorsitzender mit Leben füllen? Wie stehst du diesbezüglich zu Regelungen wie die der "Partei der Arbeit Belgiens", die eine Quotierung bei Mandatsvergaben für Arbeiter*innen (Menschen mit Abschlüssen, die nicht höher als eine reguläre Berufsausbildung sind) vorsehen? Immerhin wärst du, trotz deiner zunächst betrieblichen Ausbildung, ebenfalls von einer solchen Quote betroffen.

Ein zentraler Aspekt ist, dass wir die Arbeiter*innen für die Linke wieder zurückgewinnen und zwar in Massen und in großer Anzahl. Dazu ist es wichtig, dass wenn wir uns als organisierende Klassenpartei verstehen, es als zentrales Element begreifen, dass wir die Beschäftigten in den Unternehmen für die Partei gewinnen müssen. So wie wir in den letzten Jahren gelernt haben an die Haustüren zu gehen, so müssen wir eben auch in die Betriebe. Dort müssen wir Auseinandersetzungen begleiten und unterstützen, ins Gespräch kommen mit Kolleg*innen, ihnen zuhören und von ihnen lernen. Wir müssen die Partei so öffnen, dass Arbeiter*innen wieder bei uns aktiv sind – das ist die Basis für alles andere.

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Konkret ist eines meiner Ziele, auf 200.000 Mitglieder anzuwachsen – und ein großer Teil davon sollen Arbeiter*innen sein. Um diese dann auch in die Parlamente zu bekommen müssen wir überlegen, wie wir finanzielle Ausfälle im Zuge von Wahlkämpfen ggf. ausgleichen können. Nicht jeder kann sich eine mehrmonatige Freistellung leisten, und nebenher ist ein Wahlkampf schwer machbar. Wir müssen also überlegen, wie wir Parteikandidaturen von Arbeiter*innen unterstützen können.

Darüber hinaus müssen wir im Parlament die Bühne nutzen, um die Interessen der Arbeiter*innen zu thematisieren.

So wie wir das zum Beispiel mit den Kolleg*innen von Bosch Waiblingen gemacht haben. Ihr Werk wird geschlossen wird, um die Kolleginnen im Bundestag eingeladen haben. Sie saßen auf der Tribüne, als wir Ihre Interessen adressiert und die Konzernleitung scharf angegriffen haben. In der Folge sind auch Beschäftigte aus anderen Betrieben wie der Bosch Töchter in Nauen und Bretten im Bundestag gewesen. Die Linke gewinnt so an Glaubwürdigkeit und wir sind im steten Austausch mit den Kolleg*innen.

Wenn du sagst, möchtest du mehr Arbeiter*innen in der Partei haben, auch in den Mandaten, führt das ganz gut zu der nächsten Frage: Würdest du erreichen wollen, dass in der Partei Gewerkschafter*innen wieder stärker für obere Listenplätze kandidieren und auch gewählt werden? Und wenn du das machen willst, wenn ja, wie willst du das erreichen?

Also ich finde, dass wir erst einmal ein groß angelegtes Mapping machen müssen um festzustellen, wo sind eigentlich Betriebsräte bei uns, in welchen Gewerkschaften sind unsere Genoss*innen Mitglied. Sowohl auf lokale Ebene in den Kreisverbänden wie auch landesweit und bundesweit in der Partei. Dadurch können wir dann auch zugreifen auf das geballte Wissen das vorhanden ist. Denn das habe ich den letzten Wochen bei meinen Besuchen in den KVs gemerkt, dass man voneinander oft nicht weiß, wo es Betriebsräte und Kolleg*innen unter den Genoss*innen gibt, ebenso wenig von Vertrauenskörpern bzw. -leuten.

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Insgesamt müssen wir weiterhin und vermehrt betriebliche Auseinandersetzungen unterstützen, hier können wir sehr viel lernen von den Betriebsräten und Gewerkschafter*innen, die wir schon bei uns in der Partei haben. Ein gutes Beispiel: Coco, Gesamtbetriebsrätin von Daimler Trucks und Busse in Mannheim, ein Unternehmen mit 9000 Leuten. Sie kann super viel Erfahrung mit einbringen. Wir müssen insgesamt in der politischen Praxis lernen von diesen Beispiel, von den betrieblichen Themen, die den Leuten wichtig ist, das wir ihre Sprache spreche und in ihrem Sinne argumentieren. So können wir sie für unsere Partei gewinnen.

Da sprichst du uns als BAG aus dem Herzen, besonders was das Mapping angeht – hier sehen auch wir einen sehr großen Nachholbedarf als Partei. Wenn wir eine organisierende Klassenpartei sein wollen, müssen den Überblick haben, wo sind unsere Multiplikatoren in den Betrieben genau. Wenn du betonst, welche Vorteile uns das Know-How von Gewerkschafter*innen in der Partei bringt, dann weißt du auch wie sehr diese hinter ihren Tarifverträgen stehen, diese mitgestalten, in ihren Betrieben anwenden und verteidigen. In diesem Zusammenhang kommen wir auf das Thema Mandatsträgerabgaben und Begrenzung von Diäten.

Wahrscheinlich sind sich alle in der Partei einig, dass wir – auch für unsere Glaubwürdigkeit gegenüber unseren Wähler*innen und der arbeitenden Klasse - die Bezüge für Mandatsträger in den Parlamenten begrenzen wollen. Es zeichnet sich aber ab, dass diese Frage auf dem kommenden Parteitag heiß diskutiert wird. Daher stellen wir uns die Frage, was aus deiner Sicht dagegen spricht, die Bezüge von Abgeordneten tarifvertraglich einzuordnen, entweder über den TVöD oder über den eigenen Tarifvertrag der Linken.

Also grundsätzlich spricht aus meiner Sicht nichts dagegen. Ich bin ein klarer Befürworter einer Deckelung. Zugegeben, ich finde die Debatte, wie sie jetzt leider entstanden ist in der Partei nicht so gut, weil sie ein wenig die Idee, die dahinter steckt, konterkariert. Deswegen finde ich wichtig, dass wir eine gemeinsame Lösung finden. Die Idee, das anzudocken an einen Tarifvertrag, finde ich gut. Vor allem an den TVöD würde es Sinn machen, denn dann würden wir als Abgeordnete der Linken noch mehr gemeinsam mit unseren Kolleg*innen für bessere Tarifbedingungen kämpfen können und glaubhaft dahinterstehen. Ich setze jetzt stark auf die Klugheit der Basis auf dem Bundesparteitag, eine gute Regelung zu finden.

Themenwechsel: Du hast eben bereits etwas über industriepolitischen Erfahrungen und Themen gesprochen. Wie stellst du dir eine nachhaltige Transformation der Industriepolitik vor? Vor allem in Bezug auf die Ausrichtung auf Konsum und Wachstumslogik.

In den letzten Wochen habe ich viele Betrieb besucht. Von dem Stahlwerk in Silbitz in Thüringen, wo die Kolleg*innen eine brutal harte Arbeit machen, bis hin zum Lager von Zalando in Erfurt, das geschlossen werden soll. Und beim Austausch mit den Gewerkschafter*innen ist mir ein entscheidender Aspekt klar geworden: Wir benötigen eine stärkere Mitbestimmung. Und zwar nicht nur im klassischen Sinne, sondern auch in Bezug auf so verstanden, dass jede Unternehmensentscheidung, zum Beispiel auch in Bezug auf die Ausrichtung von Produktionslinien, Entscheidungen dürfen nur unter der kollektiven Mitbestimmung der Kolleg*innen stattfinden. Egal ob bei Salzgitter, BMW oder Daimler – die Arbeiter*innen müssen selbst entscheiden können, ob sie lieber Busse statt Panzer bauen wollen.

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Dann kommen wir zur letzten Frage: Du wie auch deine Vorgänger*innen seid bereits mit der Kritik konfrontiert worden, wie es vereinbar sein soll, ein Parlamentsmandat und zeitgleich ein wichtiges Amt in der Partei zu haben. Wie willst du dein Bundestagsmandat mit der Aufgabe des Parteivorsitzenden kombinieren und wie willst du deinen Fokus gewichten und verteilen?

Also ganz klar:  Sollte ich am nächsten Wochenende gewählt werden, liegt ab diesem Startpunkt meine Hauptaufgabe auf der des Parteivorsitzenden. Die Partei ist sozusagen die wichtige Grundlage unserer politischen Arbeit und entsprechend ist auch da die Erwartung bei den Mitgliedern an der Basis – und das ist auch richtig so. Die Parteivorsitzenden müssen sich maßgeblich um die Partei kümmern.

Dennoch ist es so, dass auf gesellschaftlicher und medialer Ebene die Arbeit der Bundestagsfraktion meist sichtbarer und wahrnehmbarer ist. Daher ist es auch wichtig, dass die Parteivorsitzenden nicht nur im Fraktionsvorstand sind, sondern ich auch mein gewähltes Bundestagsmandat weiter wahrnehmen kann, um die Bühne Bundestag für linke Politik zu nutzen.

Aber in erster Linie wird der Schwerpunk auf der Arbeit als Co-Vorsitzender liegen. Auch mit Ines habe ich in den letzten anderthalb Jahren sehr, sehr gut zusammengearbeitet, ebenso mit Heidi, Sören und mit Jan. Und diese Zusammenarbeit werden wir als Parteivorsitzende fortführen, treten auch als Team an. Wir werden uns sowohl inhaltlich als auch die Arbeit geographisch aufteilen, teilweise daran ausgerichtet, ob Sitzungswoche ist oder nicht. Wir haben bisher sehr gut zusammengearbeitet und werden das auch in den kommenden zwei Jahren machen.

Bei deiner Ausschussarbeit bleibt es auch erst einmal so wie es ist?

Ich bin jetzt stellvertretender Fraktionsvorsitzender, das gebe ich natürlich ab. Im Fraktionsvorstand bin ich dann nicht mehr als MdB, sondern in der Rolle als Parteivorsitzender. Außerdem bin ich reguläres Mitglied im Verkehrsausschuss. In meiner neuen Rolle kann ich hier weniger präsent sein kann, weswegen die Arbeit idealerweise übernommen werden sollte von anderen MdBs - aber das wird ein Prozess sein, der etwas Zeit braucht.

Danke für deine Zeit. Wir wünschen dir viel Erfolg beim Parteitag und bis dahin viel Durchhaltevermögen.

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Jerome Frantz ist Co-Sprecher der BAG Betrieb & Gewerkschaft.