„Der Kampf um die Betriebe ist eröffnet“
Die AfD drängt in die Betriebe – und mit ihr rechte Netzwerke wie das »Zentrum«. Wie reagieren Gewerkschaften und Linke darauf? Ein Gespräch über betriebliche Machtkämpfe, Organisierung und die Frage, wie der Rechtsruck unter Beschäftigten gestoppt werden kann.
Das sogenannte »Zentrum« versucht Macht in den Betrieben aufzubauen. Darüber spricht Nils Böhlke mit Jan Köstering und Jan Rottenbach.
BAG Betrieb & Gewerkschaft: Die AfD ist bei den Landtagswahlen mit Abstand stärkste Kraft unter den Arbeiter*innen geworden und wird auch von Gewerkschaftsmitgliedern überproportional viel gewählt. Wie blickst du auf diese Wahlergebnisse und welche Diskussionen nimmst du innerhalb der IG Metall dazu wahr?
Jan Rottenbach: In der Tat! Die Lage ist ernst, die Wahlergebnisse zeigen wiederholt, dass im Schoße multipler Krisen und des autoritären Liberalismus die Bedingungen entstehen, unter denen sich Arbeiter*innen weltweit entschließen, neofaschistische Parteien zu wählen. Im Betrieb erleben viele IG Metall Kolleg*innen das als bedrückende Realität. Die AfD-Wähler*innen haben einen Namen und ein Gesicht, sind teilweise bekannt, weil sie lauter werden und sich bekennen. Aus Agitator*innen in der Corona-Zeit sind nun AfD Lokalpolitiker oder Betriebsräte geworden. In der IG Metall und anderen Gewerkschaften hat sich die Formel „klare Kante und offene Tür“ durchgesetzt, nach der zwischen den organisierten Rechten und Frustrierten unterschieden wird. Das ist handlungsleitend, aber in der Praxis sehr komplex und weil die Grenzen zwischen AfD-Zuneigung, rechter Agitation und Organisierung fließend sind, wird auch in der IG Metall von Fall zu Fall entschieden.
AfD wird – auch von abhängig Beschäftigten – trotz eines Programms gewählt, das mit Forderungen wie der Zerschlagung sozialer Sicherungssysteme eher als Zuspitzung neoliberaler Politik denn als Alternative verstanden werden muss.
Jan R.: Wir versuchen als Gewerkschafter*innen immer wieder zu veranschaulichen, wie sehr die Blauen programmatisch im Gesäß des Kapitals stecken. Dass sie uns Arbeiter*innen und Gewerkschafter*innen die Machtressourcen nehmen wollen, die wir brauchen, um unsere beschissene Lage zu verändern – das Streikrecht einschränken und das Tarifsystem zersetzen wollen. Auch wenn die AfD den Arbeiter*innen materiell nichts anzubieten hat, so hat sie im Gegensatz zu anderen Parteien offensichtlich gerade einen Umstand auf ihrer Seite, den Alf Lüdtke in seinem Werk »Eigen-Sinn« für den historischen Faschismus hervorragend beschreibt. Obwohl die Arbeiter*innen nicht die Massenbasis des Faschismus ausmachten, schafften es die Nazis mit der Macht der Symbole und die Würdigung der (industriellen) Arbeit im Schatten der Weltwirtschaftskrise Teile der Arbeiter*innenklasse zu begeistern, andere zur Resignation zu zwingen.

Auch heute schlägt die einfache und unmittelbare Bildsprache im vorpolitischen Raum proletarischer Öffentlichkeiten ein, bei der Zigarettenpause, in Whatsapp-Gruppen, in kurzen Gesprächen in der Kantine. Da haben die Gewerkschaften wenig entgegenzusetzen. Rationale Demarkationslinien werden verwischt, Emotionen und Schuldzuweisungen erzeugen Umschlagspunkte. In einem Automobilwerk berichtete ein Kollege, dass sich spontan Grüppchen am Folgetag der Landtagswahlen vorm Werk bildeten, um den Erfolg der Blauen zu feiern. In dieser Situation gilt in der IG Metall und anderen DGB-Gewerkschaften zunächst die Prämisse: antifaschistische Kolleg*innen zu stabilisieren und aufzurichten – es ist ein Kampf um jeden Einzelnen, denn diese Kolleg*innen stehen unter enormen Druck. Die Losung der Stunde: Stellungen halten und Stellung ausbauen gegen Kapital und Faschos im Betrieb!
Das heißt, die Faschos geben mittlerweile den Ton an?
Jan R.: Die Beschlusslage z.B. von Delegiertenversammlungen und des Gewerkschaftstags zeigen, dass die Rechten in den Gewerkschaften keineswegs hegemonial sind, eher gilt das Gegenteil. Im Zusammenspiel zwischen Betriebsratsmitgliedern, Vertrauensleuten und hauptamtlichen Gewerkschafter*innen kann es gelingen, organisierte Rechte von Mandaten im Betrieb und Gewerkschaft fernzuhalten, sie zu isolieren, unter Druck zu setzen und zu bekämpfen. Die Koordinationsfunktion von Gewerkschafter*innen, die das in der IG Metall zu ihrer besonderen Aufgabe machen, ist nicht zu unterschätzen – ebenso wie die langjährigen Vertrauensbeziehungen der Betriebsbetreuer*innen mit den betrieblichen Funktionär*innen. Dadurch gelingt es teilweise erst, rechte Betriebsräte- und Betriebsgruppen zu identifizieren und ihnen das Leben schwer zu machen. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vorherrschaft und Machtbasis der Linken und von Sozis in Gewerkschaften und Betrieben mittelfristig erodiert, wenn sie so wenig intellektuelle und moralische Führung übernehmen, wenn sie die Arbeiter*innenklasse programmatisch derart rechts liegen lassen und wenn ihre Antworten auf die multiple Krise des Kapitalismus derart bescheiden ausfallen, wie aktuell.
Schauen wir aufs Parlament und kommen zu dir, Jan Köstering. In der Bundestagsfraktion seid ihr mit einem deutlichen antifaschistischen Profil gestartet und gleichzeitig hat sich Die Linke auf ihrem letzten Parteitag als „organisierende Klassenpartei“ definiert. Gehört das für dich gerade auch angesichts der genannten Wahlergebnisse zusammen?
Jan Köstering: Das ist selbstverständlich kein Gegensatz. Antifaschismus ist allein schon aus historischen Gründen Teil unserer DNA. Es gehört deshalb zu unserer Kernaufgabe rechten Kräften und Aktivitäten immer konsequent entgegenzutreten. Sei es in breiten Bündnissen mit anderen demokratischen Kräften, um sich Nazi-Aktivitäten in den Weg zu stellen oder aber in der Unterstützung antifaschistischer Rechercheaktivitäten. Oft zeigt sich, dass diese effektiver in der Beobachtung rechtsextremistischer Umtriebe sind, als die dafür zuständigen staatlichen Behörden. Als Partei sind wir eine natürliche Partnerin der antifaschistischen Bewegung – auf der Straße und im Parlament.
Wie greift dieser Anspruch einer „organisierenden Klassenpartei“ konkret den antifaschistischen Kampf auf – wo liegen die Verbindungslinien im Alltag?
Jan K.: Das Ziel, Die Linke zu einer organisierenden Klassenpartei zu entwickeln, betrifft ja aber eine etwas andere Ebene. Hierbei geht es um eine langfristige strategische Orientierung für die kommenden Jahrzehnte. Wie und wo müssen wir uns als Partei verankern, um die Durchsetzungskraft zu erlangen, die es benötigt, um die Interessen der breiten Bevölkerung auch durchsetzen zu können? Was ist nötig, um die Organisierung von Menschen anhand ihrer Klasseninteressen zu unterstützen und die Linke als die Partei zu verankern, die dies politisch bündelt? Die Bereiche Betriebe und Wohnen sind hier als strategische Pfeiler nicht zufällig oder als kurzfristige Themensetzung zu verstehen. Es sind die Lebensbereiche, in denen die Menschen den Großteil ihrer Lebenszeit verbringen, in denen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus oftmals am deutlichsten zu Tage treten. Und es sind Orte, an denen entweder Organisierung bereits oft an der Tagesordnung ist – wie am Arbeitsplatz in den großen Einzelgewerkschaften. Oder aber Orte, an denen das Potenzial dafür immens ist – eben das Zuhause. 53% der Bevölkerung in Deutschland wohnt zur Miete. Gleichzeitig können sich viele Menschen ihr Zuhause nicht mehr leisten. Fast in keinen anderen Bereichen können wir besser die Notwendigkeit für sozialistische Lösungen auf die Tagesordnung setzen und uns besser anhand der alltäglichen Interessen der Menschen langfristig organisieren.
Was bedeutet das konkret?
Jan K.: Konkret bedeutet das, die demokratische Organisierung von Mieter*innen zu unterstützen und z.B. Mitglieder zu motivieren, langfristig in Mietervereinen aktiv zu werden. Gleichzeitig aber auch für Lösungen im Hier und Jetzt wie Heizkostensenkungen, Kampf gegen Mietwucher und für einen Mietendeckel zu streiten.
Und auf Arbeit?
Jan K.: Auf betrieblicher Ebene geht es darum, wie unsere Mitglieder an ihrem Arbeitsplatz die Gewerkschaftsbewegung stärken können und sie dazu zu befähigen, sich als Beschäftigte in ihren Betrieben und Gewerkschaften einzubringen und mitzubestimmen. Wir möchten uns auf allen Ebenen dafür einsetzen, dass die Gewerkschaften mit der Linken eine verlässliche Partnerin an ihrer Seite haben.
Auf der anderen Seite müssen wir unsere Parteistrukturen aber auch insofern verändern, dass sich Menschen aus betrieblichen Kontexten wiederum bei uns zuhause fühlen.
Bei der Ausrichtung als organisierende Klassenpartei geht es also auch darum, inwieweit wir langfristig dazu in der Lage sind, unsere Strukturen und Ressourcen auf diese geduldige Arbeit auszurichten. Das bedeutet nicht, dass wir Rassismus nicht dort bekämpfen, wo er auftaucht oder der Klimawandel plötzlich egal ist und keine Ressourcen mehr auf diese Themen verwendet würden. Sondern darum, einen langfristigen Parteiaufbau entlang der alltäglichen Interessen der Menschen bewerkstelligen zu können.
Zurück zu Jan Rottenbach, du beobachtest für die IG Metall die Versuche der AfD über das sogenannte »Zentrum«, die Verankerung in den Betrieben zu vertiefen. Derzeit laufen die Betriebsratswahlen. Kannst du schon absehen, wie gut es der AfD gelingt, auch in den Mitbestimmungsorganen Fuß zu fassen?
Jan R.: Viele AfD-Lokalpolitiker*innen arbeiten in den Betrieben. Die Verankerung der AfD ist seit Jahren vorhanden aber nicht erschlossen. Zur letzten Betriebsratswahl im Jahr 2022 hielt die AfD im Landesverband Baden-Württemberg einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit »Zentrum«. Nachdem dieser Beschluss auf dem AfD-Bundesparteitag in Riesa 2022 aufgehoben wurde, begann der Startschuss für eine strukturiertere Zusammenarbeit. Das »Zentrum« ist regelmäßiger Gast in AfD-Ortsverbänden, Landesverbänden und war in den vergangenen zwei Jahren auch auf Einladung der AfD im Bundestag sowie im Thüringer Landtag. Seit 2022 versucht das »Zentrum«, mit begrenztem Erfolg, branchenübergreifend zu arbeiten um einen alternativen DGB zu etablieren, eine rechte politische Richtungsgewerkschaft. Das würde die deutsche Gewerkschaftslandschaft mit dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft enorm ins Wanken bringen. Soweit ist es aber noch nicht.
Und wie sieht es aktuell bei den Betriebsratswahlen aus?
Jan R.: Ein nüchterner Blick auf die aktuell laufenden Wahlen zeigt, dass Zentrum-Kandiat*innen unter Arbeiter*innen keineswegs so viel Zuspruch bekommen wie die AfD. Punktuell gewinnen sie aber Mandate hinzu. Derzeit zählen wir Zentrums-Aktivitäten in 17 Betrieben. Nicht in allen konnten rechte Kandidat*innen Mandate erringen. Listen, die wir »Zentrum« zurechnen, haben ca. 40 Mandate geholt – teilweise ist unklar, ob es sich um Zentrumslisten handelt, da sie in den meisten Fällen nicht als »Zentrum« antreten. 2022 waren es über einschlägige Zentrumslisten ca. 20 Mandate. Dem gegenüber stehen in den gleichen Betrieben ca. 300 IG-Metall-Mandate und 60 Mandate für andere Listen, die zwischen den Stühlen stehen. Es gibt einige Fälle, bei denen andere Listen mit Zentrum gegen die IG Metall zusammenarbeitet. Die Lage wird dynamisch bleiben.
Weil sich bei den aktuellen Betriebsratswahlen auch neue Listen etablieren?
Jan R.: Ja, bei Audi Ingolstadt, VW Group Services Braunschweig haben sich neue Listen etabliert – und in kleineren Betrieben unter Tarnnamen. Andere Listen, die bereits 2022 kandidierten, sind zum »Zentrum« übergelaufen. In kleinen und mittelständischen Betrieben kandidieren Zentrumsmitglieder teilweise nachweisbar über Persönlichkeitswahlen und reichen keine eigene Liste ein. Zentrumsmandate ausschließlich über einschlägige Listen zu zählen, macht also keinen Sinn, die Zahl ist deutlich höher. In einigen der Betriebe wird es darum gehen, Zentrumskandidaten vom Betriebsratsvorsitz fernzuhalten.
Ist das Phänomen auf die Autoindustrie beschränkt?
Jan R.: Um dieser Deutung klar entgegenzutreten: Das »Zentrum« ist nicht nur ein Problem in den Automobilwerken. Sie versuchen flächendeckend, AfD-Mitglieder in AfD-Ortverbänden und Rechte bei Demoauftritten, durch Social Media zur Mitgliedschaft und BR-Kandidatur in betriebliche Verantwortung zu ziehen. In den Automobilwerken sind sie nicht durchmarschiert, gewinnen aber konstant hinzu, dafür spricht etwa die Mandatsentwicklung bei Mercedes Untertürkheim von 2-4-6-7-9 Mandate über die vergangenen Wahlperioden. Betriebsgruppen sind mitunter deutlich größer als die errungenen Mandate, so kandidierten bei Mercedes Untertürkheim erneut deutlich über 200 Menschen auf der Zentrumsliste, in den meisten Werken sind es unter 10. Der Ansatz, von der Industrie ausgehend in die Fläche und Region zu wirken, ist insofern taktisch klug, da Betriebsräte qua Freistellungsregelung für die Betriebsratsarbeit politische Aktivitäten entfalten können, über diese Zentrumslisten wird lokal stark berichtet.
Heißt das, wir sehen bereits regionale Machtbasen, von denen aus sich das »Zentrum« weiter ausbreitet – und wie stabil sind diese Strukturen?
Jan R.: In Regionen mit vielen Zentrumsaktiven sind die Ansteckungseffekte am Größten: Zentrumsmitglieder werben Zentrumsmitglieder und zum Teil laufen Betriebsräte zu »Zentrum« über. Die Hemmschwelle das in Regionen zu tun, in denen es keine Ansprechpartner*innen und Strukturen gibt, ist höher. Regionale Schwerpunkte sind Baden-Württemberg, Sachsen, Niedersachsen, Bayern. Aber auch Brandenburg und Thüringen mit außerbetrieblichen Auftritten bei den AfD-Landesverbänden, sowie die Grenzregion Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz/Hessen. In diesen Regionen kann der Partei Die Linke die Rolle zukommen, antifaschistische Kolleg*innen zu stützen und ein Auge auf die Entwicklungen zu haben.
Wer ist das größere Problem für die Gewerkschaften – die AfD oder das »Zentrum«?
Jan R.: Diese Fragestellung ist schief. Die Aufbauarbeit, die die AfD ins »Zentrum steckt«, folgt machttaktischen Kalkülen, es geht um nichts weniger als die Vorbereitung der Machtübernahme der AfD. Dazu sind Brückenköpfe in die Betriebe essentiell, da eine Mitarbeit von Beschäftigten aller Sektoren unter der AfD keineswegs garantiert ist – die Satzungen der Gewerkschaften sieht nach wie vor ein Widerstandsrecht vor (gemäß Artikel 20 Absatz 4 GG). Der Vorstand kann die Mitglieder zum Zweck der Verteidigung demokratischer Grundrechte, der Unabhängigkeit sowie Existenz der Gewerkschaften aufrufen, die Arbeit niederzulegen. Ein solcher Aufruf müsste aber auch in den Betrieben und den Gewerkschaftsgremien politisch ausgehalten werden, dafür brauchst es linke, antifaschistische Kolleg*innen, die das auch tragen.

Zurück zu dir Jan Köstering, ihr beobachtet die Aktivitäten des Zentrums auch in der Bundestagsfraktion. Du hast mit deinem Büro auch eigene Recherchen durchgeführt. Was kannst du berichten?
Jan K.: Uns ist aufgefallen, dass seit geraumer Zeit bereits viel über das »Zentrum« berichtet wurde. Und während in den Gewerkschaften der Verein und die rechten Organisationsvorstöße in die Betriebe längst Thema ist, wurde dies aus dem Bundestag heraus bisher nie thematisiert. Meinen gewerkschaftlichen Kolleg*innen in der Fraktion ist das alles natürlich auch nicht unbekannt. Die Wege, das Thema im engeren Sinne parlamentarisch zu bearbeiten, sind jedoch auch begrenzt. Die Kleine Anfrage, die wir zum »Zentrum« gestellt haben, ist dabei eines der Mittel. Hier geht es vor allem darum, den Verein und seine Aktivitäten erst einmal grob abzuklopfen. Vor allem hinsichtlich vereinsrechtlicher, aber auch sicherheitspolitischer Erwägungen. Denn es ist schon bemerkenswert, wie ein Verein, der solch offensichtliche Bezüge in die Neonazi-Szene aufweist, lange so unbescholten vor sich her arbeiten konnte. Es gibt nahezu kein Gründungsmitglied, dass keine solcher Bezüge aufweist. Und hier geht es nicht um Karteileichen der NPD. Sondern um Personen wie Hans Jaus, der, bevor er später Schatzmeister von »Zentrum« wurde, in den 1990er Jahren Bundeschatzmeister der 1994 verbotenen „Wiking-Jugend“ war. Einer Gruppe, die in direkter Tradition der nationalsozialistischen Hitlerjugend stand.
Was hat deine Anfrage noch ergeben?
Jan K.: Ein weiterer Punkt, den wir in der Anfrage thematisieren, ist die immer starke Verknüpfung mit der AfD. Zwar gibt es schon lange Bezüge zur AfD. Mittlerweile kann das »Zentrum« aber als Vorfeldorganisation der AfD beschrieben werden – mit der eine strategische und personelle Zusammenarbeit erfolgt. Hier wird deutlich der Versuch unternommen, die oft hohe Zustimmung unter Arbeiter*innen in langfristige Organisierung zu leiten. Bisher gelingt das zum Glück ja nur sehr begrenzt. Aber diese Bestrebungen sollten unter keinen Umständen unterschätzt werden.
Das »Zentrum« ist schon seit einigen Jahren aktiv dabei, sich in den Betrieben zu verankern. Die Linke ist da noch ganz am Anfang. Welche konkreten Schritte müssten deiner Ansicht nach von Seiten der Linken unternommen werden, um die dem Rechtstrend unter Arbeiter*innen entgegenzuwirken.
Jan R.: Einer der Zentrumsvertreter sagte kürzlich in einem Interview, die Linke habe es seit vielen Jahrzehnten begriffen, dass gesellschaftliche Veränderung in den Betrieben beginne, das müsse auch die AfD begreifen. Die Linken – gemeint ist sicher auch die SPD – seien meilenweit voraus. Ich musste etwas schmunzeln. Ganz unrecht hat er vielleicht nicht. In der Terminologie der Politikwissenschaft könnte man sagen, die AfD hat Vorteile im Mobilizing der Arbeiter*innen, die politische Linke im Organizing. Gegen die rechte Betriebsoffensive hilft aber mittelfristig nur eine linke Betriebsoffensive.
Da sind wir wieder bei dem Anspruch, dass Die Linke eine organisierende Klassenpartei sein will.
Jan R.: Das ist die Linke sicher noch längst nicht. Weil ihr der Plan und der Wille fehlt, sich ernsthaft zu fragen, wie man die Erfahrungen in den Gewerkschaften und den Betrieben für eine demokratisch verfasste sozialistische Planwirtschaft, die mir als notwendige Bedingung für das Überleben der Menschheit erscheint, hebt. Das ist nicht unmöglich, ich erlebe die Gewerkschaftswelt als eine, in der sehr ehrliche Beziehungen geführt werden.
Telefonate, Gespräche und Vertrauensaufbau sind unter Kolleg*innen der Schlüssel zu Herz und Hirn.
Es macht Sinn, diese Richtung entschlossener zu gehen. Gespräche nur punktuell zu initiieren, etwa am Rande von Streiks, wird nicht ausreichen, den Rechtstrend zu stoppen.
Wie könnte eine solche linke Betriebsoffensive aussehen – was wären erste Schritte, um in den Betrieben wieder stärker Fuß zu fassen?
Jan R.: Eine solche Kampagne ist auch nach innen zu führen, um die Kräfte zu sammeln, die diesen Weg mit gehen wollen. In den Gewerkschaften wissen die Kolleg*innen voneinander, dass es zahlreiche Linke-Mitglieder gibt, die aber neben der Gewerkschafts-, Betriebsrats- und Vertrauensleutearbeit, der Schichtarbeit kaum Zeit haben, sich für Haustürwahlkampf und Volksküche hinzugeben. Aus all den Gründen ist die Gewerkschaftstätigkeit häufig entkoppelt von der Tätigkeit in der Partei, obwohl die Kolleg*innen seit Jahren im Gespräch mit den Menschen im Betrieb sind und persönlich Einfluss haben. Eine Vertrauenskörperleiterin, die 400 Vertrauensleute in n einer Gewerkschaft koordiniert, wäre ein riesiger Gewinn für die Partei. Das sollte berücksichtigt werden.
Was müsste sich dafür auch innerhalb der Partei verändern, damit Beschäftigte sich dort tatsächlich wiederfinden und einbringen können?
Jan R.: Die Linke als organisierende Klassenpartei auszurichten heißt auch, ein Gespür zu entwickeln, dass die materiellen Umstände der multiplen Krisen bei größeren Teilen der Arbeiter*innenklasse in Systemverdrossenheit und Worterstarrung umgeschlagen sind. Entschlossenheit allein wird nicht ausreichen. Vor Ort kann es für Arbeiter*innen ein Kraftakt sein, sich auf die sprachlichen Feinheiten und Debattenkulturen der Linken einzulassen. Auch das ist zu berücksichtigen – die Integration allein den Kreis- oder Stadtverbänden zu überlassen halte ich für fahrlässig. Auch Arbeiter*innen versuchen sich einen Reim auf ihr Leid, Prekarität und Konkurrenz zu machen, sie nutzen dafür die Sprache, die sie haben. In der Organisierungspraxis, in den Anträgen und Öffentlichkeiten, die eine Klassenpartei kreiert, müssen sich reale Leiderfahrungen der Arbeiter*innen ausdrücken. Und einer solchen Partei muss es vonseiten der Arbeiter*innen auch zugetraut werden, dass sie Abhilfe gegen dieses Leid bringt. Unmittelbar und grundsätzlich.
Welche weiteren Schritte plant ihr gerade in der Bundestagsfraktion, um dieses Thema stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen?
Jan K.: Es muss uns allen voran darum gehen, gemeinsam mit gewerkschaftlichen Akteuren, insbesondere denjenigen, die damit täglich auf der betrieblichen Ebene konfrontiert sind, weiter daran zu arbeiten, die betrieblichen Mehrheiten der großen Einzelgewerkschaften so zu erhalten und weiter zu stärken, dass rechte Netzwerke und Strukturen sich dort nicht ausbreiten können. Außerdem müssen wir uns schützend vor die Kolleg*innen stellen, die zuvorderst von den Angriffen von rechts und Hass und Hetze betroffen sind.
Vor allem aber muss es uns darum gehen, dem Hass und der Hetze von rechts unsere Vision einer gerechten und solidarischen Gesellschaft entgegenzustellen, und dahinter gesellschaftliche Mehrheiten zu versammeln. Gemeinsam mit den Gewerkschaften.
Im Gegensatz zur AfD und ihren rechten Handlangern haben wir als Linke ja gute Konzepte gegen Sozialabbau und für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit.
Vielen Dank euch Beiden für das Gespräch.
Artikel wurde am 30. Apr. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://betriebundgewerkschaft.de/afd/2026/04/der-kampf-um-die-betriebe-ist-eroffnet/.
