Ein Ort des Austauschs und der Kollektivität
Mehr als 250 Teilnehmende kamen zur vierten Gewerkschaftskonferenz für den Frieden nach Würzburg. Zwei Tage voller Debatten über Aufrüstung, Sozialabbau und friedliche Industriepolitik zeigten: Die Konferenz ist längst zu einem festen Ort für Austausch und Vernetzung geworden.
Wenn der Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (ITUC), Luc Triangle, eine Videobotschaft an die Teilnehmer der Vierten Gewerkschaftskonferenz für den Frieden schickt, in der er betont, dass die Friedensfrage für Beschäftigte kein „nice to have“ ist, sondern eine existentielle Frage, dann zeigt das die wachsende Bedeutung der Konferenz. Auch der ehemalige Vorsitzende der IG Metall, Klaus Zwickel, sendete ein Grußbotschaft. Jürgen Peters, ebenfalls ehemaliger 1. Vorsitzender nahm sogar an der Konferenz teil. Und tatsächlich mit weit über 250 Teilnehmern stieß die Veranstaltung auch in diesem Jahr wieder auf großen Zuspruch.
Rückhalt und Richtung für die Debatte
Für einige Bundesländer hatten die Schulferien schon begonnen, als sich am 24 und 25. Juli Vertreter aus dem gesamten Bundesgebiet in Würzburg zur Vierten Gewerkschaftskonferenz für den Frieden einfanden. Die Veranstaltung ist unter friedensbewegten Gewerkschaftern inzwischen zu einem festen Termin geworden. Seit vier Jahren organisiert die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit einer gewerkschaftlichen Gliederung die Gewerkschaftskonferenzen für den Frieden. Ziel ist es, die Auswirkungen der Kriegsvorbereitungen auf die Welt der Arbeit sichtbar zu machen und dadurch Einfluss zu nehmen auf die Diskussion über Rolle der Gewerkschaften als Teil der Friedensbewegung.

Nach Hanau, Stuttgart und Salzgitter fand die diesjährige Konferenz in Kooperation mit der IG Metall Geschäftsstelle Würzburg statt. Der 1. Bevollmächtigte, Norbert Zirnsak, verwies in seiner Begrüßung darauf, dass sich die Geschäftsstelle Würzburg in der stolzen Tradition von Georg Benz sehe. Benz war in den 1970er Jahren 1. Bevollmächtigter in Würzburg, ehe ihn die Delegierten des Gewerkschaftstages in den Geschäftsführenden Vorstand wählten. Als die Gewerkschaften Anfang der 1980er Jahre um eine Position zum NATO-Doppelbeschluss rangen, sprach der Gewerkschafter Benz auf der Bonner Hofgartenwiese zu Hunderttausenden Kundgebungsteilnehmern und gab der innengewerkschaftlichen Debatte damit sowohl Rückhalt als auch Richtung. Zirnsak verwies auf das Angebot zur KDV-Beratung, das die IG Metall Würzburg ihren Mitgliedern seit Dezember 2025 unterbreite. Denn nie wieder sollten Männer mit hochgebundenen Hosenbeinen oder Hemdsärmeln, an Krücken und mit Augenklappe das öffentliche Stadtbild prägen - deshalb gehöre die Debatte über die Verweigerung des Kriegsdienstes in die Gewerkschaftshäuser, stellte er klar.
Butter statt Kanonen
Dass Aufrüstung und Sozialabbau zwei Seiten einer Medaille seien, unterstrich der Vorsitzende Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bernd Riexinger in seiner Begrüßung und markierte damit eine wichtige Aufgabe in der aktuellen gewerkschaftlichen Debatte - die Betonung der Jahrhundertaufrüstung als eine Ursache für den Finanzvorbehalt, unter den die Regierung den Sozialstaat gestellt hat. Daran knüpfte auch das anschließende Podium über den Zusammenhang von Aufrüstung und Sozialabbau an. Es diskutierten die beiden ver.di-Hauptamtlichen Sinan Öztürk und Sidar Carman mit dem Betriebsratsvorsitzenden von MiWe in Arnstein, Gürcan Erdinc, mit dem Arbeitsrechtsprofessor Wolfgang Däubler und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Jan Dieren. Die aktuellen Sozialkürzungen seien ein Generalangriff auf die Interessen der Beschäftigten und müssen deshalb in die Betriebe betragen werden, waren sich die Teilnehmer einig.

Unter dem Titel „Zerbricht die Weltordnung“ hatten zuvor der stellvertretende Botschafter Kubas, Miguel E. Torres Tesoro und Ingar Solty den großen geopolitischen Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen die Militarisierungsdebatte in Deutschland stattfindet. „Lasst uns jeden Konflikt auf der Welt, der von den USA begonnen oder eskaliert wurde, mit einer Stecknadel markieren. Iran, Jemen, Somalia, Irak, Sudan und Venezuela sind nur einige Beispiele“, sagte Tesoro. Der Druck der derzeit auf sein Land gemacht würde, müsse als ein Akt des Völkermords eingeordnet werden. Die Zahl der Krebstoten habe sich inzwischen signifikant erhöht, die Säuglingssterblichkeit habe sich sogar verdoppelt. Solty machte deutlich, dass diese Entwicklung das Ende der westlichen Hegemonie unterstrich. Denn auf die „Entwestlichung der Welt“ reagiere der Westen zunehmend aggressiv.
Ermutigender Tagesabschluss
Den Abschluss des ersten Konferenztages bildete das Jugendpodium. Das Thema waren die Proteste gegen die Militarisierung von Schule und Hochschule. Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Nicole Gohlke, leitete das Podium mit einem grundsätzlichen Beitrag ein. Schulen und Hochschulen spielten eine besondere Rolle bei den aktuellen Kriegsvorbereitungen, sagte sie und erteilte sowohl den Angriffen auf die Zivilklausel als auch den Jugendoffizieren an den Schulen eine klare Absage.

Schulstreikaktivistin Alia Horstmann verwies auf die klaren Mehrheiten unter Jugendlichen - Zweidrittel lehnten die Wehrpflicht ab. Annabell Franz, Jugendsekretärin bei der IG Metall Würzburg, berichtete über ein gerade erstelltes Positionspapier der IG Metall-Jugend gegen die Militarisierung. Dehlia Schenk von der Jugend- und Auszubildendenvertretung an der Berliner Charité berichtete über Fortbildungen zur Versorgung verwundeter Soldaten und weiterer Beispiele der Militarisierung des Gesundheitswesens. So werde auch überlegt, in Zusammenarbeit mit städtischen Verkehrsbetrieben Busse als Krankentransporter im NATO-Bündnisfall zu verwenden. Und Nick Papak Amoozegar, aktiv in der Palästina-Solidarität, machte auf die Auswirkungen der bedingungslosen Solidarität der Bundesregierung mit der israelischen Regierung aufmerksam. Insgesamt zeigte die Debatte, dass in der Bundesrepublik eine ermutigende antimilitaristische Jugendbewegung heranwächst. Dass diese auch weit in die Gewerkschaften hineinreicht, unterstrich der Beschluss der Delegierten des Gewerkschaftstages gegen die Wehrpflicht, der im Mai in Berlin Zustandekommen war.
Für eine friedliche Industriepolitik
Der zweite Tag begann mit einem Podium über die Herausforderungen, die sich für die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften angesichts der zunehmenden Aufrüstung stellten. Der Betriebsratsvorsitzende des Würzburger Automobilzulieferers Brose, dessen Beschäftigte im vergangenen Jahr erfolgreich gegen die Schließung des Standortes gekämpft hatten, berichtete von der Schwierigkeit, die friedenspolitischen Positionen durchzuhalten, wenn der eigenen Betrieb vor der Schließung steht und sich plötzlich die Rüstungsindustrie als rettender Investor anbietet. Die ehemalige Bevollmächtigte der IG Metall Waiblingen, Anne Rieger, verwies auf die vielen Konversionsprojekte in den 1980er Jahren, die darauf abzielten, die Arbeitsplätze der Rüstungsindustrie durch zivilen Umbauschützen sollten.
Der ehemalige Vorsitzende der Europäischen Linken, Heinz Bierbaum, machte deutlich, dass das Zusammenfallen von Aufrüstung und Industriekrise eine für die Gewerkschaften komplexe Situation schaffe und die Konversionserfahrungen der vergangenen Jahrzehnte eingebettet werden müssten in eine weitergehende friedliche Industriepolitik. Daran schloss auch der VW-Vertrauensmann und Bundestagsabgeordnete (Die Linke) Cem Ince an, als er herausstellte, dass es endlich ein wirtschaftliches Mitbestimmungsrecht brauche: Betriebsräte müssen mitentscheiden können, ob sie Rüstungsgüter produzieren oder nicht.
Motivierender Abschluss
Nach der Arbeitsgruppenphase zu den Themen „Autoritärer Staatsumbau“ (AG I), „Militarisierung von Post und Logistik“ (AG II) und „Militarisierung des Gesundheitswesens" (AG III) bildete ein breites und hochkarätig besetztes Podium unter internationaler Beteiligung den motivierenden Abschluss. Internationale Stimmen waren der ehemalige Vorsitzende der britischen Transportarbeitergewerkschaft, Alex Gordon, Jérôme Legavre, der für La France Insoumise im französischen Nationalparlament sitzt und der ehemalige Vorsitzende der britische Labour Party, Jeremy Corbyn. Hinzu kamen die Europaabgeordnete der Linken, Özlem Demirel, der ehemalige Leiter des Internationalen Friedensbüros (IPB), Reiner Braun, Jules El-Khatib, der im letzten Jahr die große „All eyes on Gaza“-Demonstration mitorganisiert hatte, Ronja Fröhlich vom Anti-Wehrpflicht-Bündnis und Mark Ellmann von der Münchner Gewerkschaftsinitiative „Soziales rauf, Rüstung runter“. Moderiert wurde das Podium vom Würzburger Bundestagsabgeordneten der Linken Aaron Valent.

Die Zusammensetzung des Podiums unterstrich die Breite der deutschen Antikriegsbewegung, zu der die Vertreter der traditionellen Friedensbewegung ebenso gehören wie die jungen Aktivisten in der Palästina-Solidarität, in den Jugendbündnissen und in den Gewerkschaften. Mit Özlem Demirel und Aaron Valent findet diese neue Antikriegsbewegung zudem einen parlamentarischen Ausdruck. Und zugleich unterstrich das Podium die Notwendigkeit für eine internationale Anbindung. Der Hauptfeind steht im eigenen Land, aber die Verbindung der Kämpfe auf der internationalen Ebene macht auch die Antikriegsbewegung in Deutschland stärker. Zu ihrer besonderen Herausforderung gehört es, dass die Schwächung des europäische Imperialismus ganz maßgeblich die Schwächung des deutschen Imperialismus zur Voraussetzung hat.
Die Debatte geht weiter
Die Würzburger Konferenz stand ihren Vorgängerkonferenzen in nichts nach. Im Gegenteil: Sie hat ein weiteres Mal unterstrichen, wie notwendig es ist, gemeinsame Räume des Austausches, des Krafttankens und der Kollektivität zu schaffen. Die friedenspolitischen Beschlüsse des Gewerkschaftstages sind auch ein bisschen das Ergebnis dieser Konferenzen. Jetzt muss es weitergehen mit einer kraftvollen Mobilisierung zum DGB-Aktionstag am 26. September, mit einer starken gewerkschaftlichen Präsenz auf der bundesweiten Friedensdemonstration am 3. Oktober und mit einer wahrnehmbaren Beteiligung der deutschen Friedensbewegung an den internationalen Aktionstagen am 10. Oktober gegen den Genozid in Gaza, am 30. Oktober zur Vernetzung der Hafenarbeiter und am 21/22. November gegen die Wehrpflicht.
Zum Thema:

Artikel wurde am 23. Sep. 2026 gedruckt. Die aktuelle Version gibt es unter https://betriebundgewerkschaft.de/all/2026/09/ein-ort-des-austauschs-und-der-kollektivitat/.

