Hör ich da Tariferando?

09. Mai 2023  BLOG, TARIFRUNDEN

Von Olaf Klenke

Mit der Initiative „Liefern am Limit“ von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kämpfen die Beschäftigten von Deutschlands größtem Essenslieferdienst Lieferando für einen Tarifvertrag – das wäre der erste überhaupt in der Lieferbranche. Unser Bundessprecher Olaf Klenke hat mit drei von ihnen über ihre Arbeitsbedingungen gesprochen, was ihnen gefällt am Job und was sich ändern muss.

Leo, Vivian und Rizwan arbeiten in Berlin für den Essenslieferdienst Lieferando, Marktführer in Deutschland und Tochter des niederländischen Unternehmens Just Eat Takeaway. Sie bringen Essen aus Restaurants und Fastfood-Ketten wie McDonalds zu anderen Menschen nach Hause oder ins Büro.

Wie viele der etwa 7.000 Beschäftigten in Deutschland sind sie über verschiedene Wege zum Unternehmen gestoßen. Leo arbeitete in einer Werbeagentur und war vom Homeoffice in der Corona-Zeit genervt. Vivian verlor in der Zeit ihren Job in der Gastronomie und ist jetzt „Kellnerin auf dem Fahrrad“, wie sie selbst sagt. Rizwan kommt ursprünglich aus Pakistan und lebt schon länger in Deutschland, wollte aber weg von seinem vorherigen Job im Bewachungsdienst.

Sie mögen ihren Job: Die Bewegung an der Luft, das freie Arbeiten ohne einen direkten Chef vor der Nase, den Kontakt mit den Kunden und die Gespräche in den Restaurants, aus denen sie das Essen abholen. Ob bei Regen, starkem Wind oder von Extrem-Temperaturen von minus 10 bis über 30 Grad – sie sind draußen gut sichtbar mit ihrer orangenen Arbeitskleidung auf dem Fahrrad unterwegs. Damit vertreten sie übrigens nur die Hälfte der Beschäftigten in Berlin. Die anderen fahren mit dem Auto meist unerkannt in der Stadt herum. Sie können viele Geschichten erzählen: Touren, bei denen das Essen per Fuß in den 16. Stock eines Hochhauses geschafft werden musste, weil der Fahrstuhl kaputt war. Von schreienden Kunden, die sich über eine verspätete Essenslieferung beschwerten, obwohl die Fahrerinnen und Fahrer darauf keinen Einfluss haben. Davon, wie unterschiedlich Trinkgeld gegeben wird: In den teureren Wohnobjekten oder Firmenzentralen mit Bestellwerten von 200 Euro gibt es teilweise gar kein Trinkgeld. In ärmeren Stadtbezirken dagegen vergleichsweise gut oder bei jungen Familien, bei denen eine Bestellung etwas Besonderes am Wochenende ist.

Und sie wollen, dass ihre Arbeit besser entlohnt wird und sich Arbeitsbedingungen verbessern. Häufig werden die Beschäftigten vom Unternehmen als reine Verfügungsmasse eingesetzt, die Schichtplanung sorgt oft für Unmut. Sie folgte dem Windhund-Prinzip: Wer sich als erste oder erster einträgt, bekommt sie. Die anderen haben das Nachsehen. Die Routen sind vor einiger Zeit deutlich ausgedehnt worden, so wird die Anzahl der Lieferungen und das Bonus-System beeinflusst. Die Fahrt vom letzten Auslieferungsort nach Hause wird nicht bezahlt. Der „Feierabend ist manchmal am Arsch der Welt“ und dann wird 30 Minuten oder mehr als „Privatfahrt“ nach Hause geradelt. Schwankende Arbeitszeiten und das Bonussystem verhindern ein verlässliches, regelmäßiges Einkommen und das bei einem Stundenverdienst von 12 Euro für die meisten.

Kolleginnen und Kollegen von Lieferando auf der Konferenz „Gewerkschaftliche Erneuerung“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 14. Mai an der Uni Bochum.

Unterstützt von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) haben die Beschäftigten in den zurückliegenden Jahren Betriebsräte in bereits 18 Städten quer durch die Republik gegründet. Erkämpft wurde, dass das Unternehmen auch Arbeitsmittel wie Diensthandy und Fahrrad stellt. Und jetzt fordern sie einen Tarifvertrag mit einem Stundenlohn von mindestens 15 Euro, verbindliche Zuschläge für bestimmte Fahrzeiten oder besonders belastende Arbeitssituation, 30 Tage Urlaub und vieles mehr.

Bisher hat das Unternehmen nicht reagiert. Erste Streiks in einzelnen Städten werden geplant und der öffentliche Druck auf das Unternehmen erhöht. Hunderte Fahrerinnen und Fahrer haben sie in den letzten Monaten der Gewerkschaft NGG und ihrer Initiative „Liefern am Limit“ angeschlossen.

Olaf Klenke ist Bundessprecher der BAG Betrieb & Gewerkschaft

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